Geschichte der Combatives

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung
Nach Joseph Svinth ist Combatives ein Sammelbegriff, um militärisches, paramilitärisches oder polizeiliches Nahkampftraining zu beschreiben. Während es der Polizei eher um Festsetzung des Gegenübers geht, nutzt das Militär das Training eher zur Steigerung des Selbstvertrauens bzw. der Aggressivität ihrer Soldaten.

Militärische Nahkampfsysteme wurden in sich als national verstehenden Militärs ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Die Institution der Polizei kam im 18./19. Jahrhundert auf und rund ein Jahrhundert später wurde vermehrt formales (Schieß)Training eingesetzt.

Vom 19. Jahrhundert bis zum (nahenden) 2. Weltkrieg
Für die ersten Trainingsprogramme des amerikanische Militärs sowie der New Yorker Polizei zeichnete Captain/Lieutenant Colonel Herman J. Koehler (1859-1927) verantwortlich: Obwohl Koehler nicht aktiv gedient hatte, war sein militärisches Programm einflussreich. Boxen, Fechten, Wrestling und japanische Kampfkünste waren Bestandteil des jeweiligen Programms, dienten aber v.a. im Militärbezug eher als Mittel zum Zweck in Form von

  1. allgemeiner Gesundheit und Vitalität,
  2. muskulärer Stärke und Energie,
  3. Disziplin,
  4. Selbstvertrauen und
  5. Enthusiasmus, Stolz und Wachsamkeit.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielt ‘international-style amateur boxing‘ einen größeren Stellenwert in der Ausbildung des britischen aber auch amerikanischen Militärs, was daran lag, dass Stände und Verteidigungspositionen ähnlich zu denen des Bajonettkampfes waren. Diese starke Position von Bajonett & Boxen wurde allerdings nach dem 1. Weltkrieg wegen veränderter Kriegsführung aufgegeben. In den Vereinigten Staaten von Amerika wurden für das Militär Jujutsu-Programme basierend auf Erfahrungen im 1. Weltkrieg und in japanischen Kampfkünsten entwickelt. Ähnliche Programme gab es auch für die Polizei der USA.

An der weiteren Entwicklung des militärischen Nahkampfes der USA, Kanada und Großbritannien im 2. Weltkrieg waren maßgeblich auch ehemalige Polizeibeamte aus Shanghai beteiligt; hier ist insbesondere der britische Police Captain William E. Fairbairn (1885-1960) zu nennen. Fairbairn schrieb später selbst, dass er selbst Einheiten der US Marine Corps in Shanghai unterrichtete und auch britische Einheiten sein Programm lernten, welches mit Stand 1942 zwar teilweise manches japanischen und chinesischen Kampfkünsten verdankt, aber maßgeblich waren vor allem eigene Erfahrungen/Beobachtungen.

Der 2. Weltkrieg und die Zeit des Kalten Krieges
Nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki sahen viele Amerikaner militärische Nahkampfsysteme als überflüssig an, weshalb entsprechende Programme eingestellt wurden, was sich erst während der Zeit des Kalten Krieges (1945-1991) änderte:

Im Vietnam-Krieg wurde der Bajonett-Einsatz abgelöst und Militärpsychologen setzten auf das Einpauken von Phrasen wie ‚Blut lässt das Gras wachsen – töten, töten (“Blood makes the grass grow; kill, kill“), was aber die Gefahr posttraumatischer Belastungen ansteigen ließ. Das Interesse an bzw. der Trainingsaufwand für militärischen (waffenlosen) Nahkampf schwankte zwischen Reduzierung auf Grund der Einsatzmöglichkeit vollautomatischer Waffen und einem, den Ereignissen und Folgen des Vietnam-Krieges geschuldetem, erstarkendem Interesse. Bei den Marines kamen Systeme, die auf Boxen und Karate basierten, zum Einsatz, wohingegen die Army New Age Einflüsse zeigte: Letzteres wird deutlich am Positionspapier “First Earth Battalion“ (1979), wonach Soldaten Yoga Übungen und Karate Formen zu Primal Rock Musik praktizierten und belgische Waffeln aßen.

Das Ende des Kalten Krieges und der Übergang ins 21. Jahrhundert
1989 starteten die U.S. Marines das eigene Combat Hitting Skills Programm, wo mit Handschuhen, Kopf- und Brustschutz in drei 15-Sekunden-Runden sehr kopftrefferlastig trainiert wurde. Das Programm – und ähnliche wie zum Thema Stockeinsatz – ‘wurde wegen tragischer (Verletzungs)Fälle Ende der 1990er Jahre eingestellt. Im Jahr 2000 wurden zwei separate Programme von George Bristol und Richard Strozzi Heckler entwickelt, die ein Jahr später im sogenannten Marine Corps Martial Arts Program zusammenflossen.

Die U.S. Army Rangers ließen in den Jahren 1994-1995 Brazilian bzw. Gracie Jiu-Jitsu einfließen. Eine modifizierte Version dieser Ranger-Ausbildung wurde Standard in der Army Ausbildung im Jahr 2002, welche 2009 vor dem Hintergrund der Irak-Erfahrungen bearbeitet wurde. Das Gesamtprogramm beruht auf folgenden Annahmen:

  1. Jeder Nahkampf ist ein Grapplingkampf. Schlagen passiert im Rahmen des Grapplings.
  2. Jeder Kampf wird um Waffenkontrolle geführt – wer die Waffe kontrolliert, gewinnt.
  3. Es gibt keine Abkürzungen im Training: zuerst kommen die Grundlagen und dann Szenariotraining.

Moderne Polizeitrainings haben sich aus den oben erwähnten Trainings heraus entwickelt:
Zu den Anbietern solch standardisierter Trainings gehörte die Firma PPCT Management Systems, deren Trainings über die Trainingsebenen ‚statisch‘ (Zeitlupe, Technik in Bestandteile zerlegt) ‚fließend‘ (höchster Trainingsumfang; bis zu 50% Geschwindigkeit und ‚dynamisch‘ (Rollenspiele, Szenarios) strukturiert waren. Einige Polizisten und Angehörige nationaler Organisationen wollten den Anteil von Szenariotraining unter voller Geschwindigkeit ausbauen und es begannen Entwicklungen für entsprechende Schutzausrüstung. Dynamisches Training steht, trotz Schutzausrüstung, in der Gefahr eines höheren Verletzungsrisikos und in den Geschichtsbüchern der US-amerikanischen Polizei sind auch leider solche Fälle als Vorkommnis verzeichnet.

Abschluss
Die bisherigen Ausführungen bezogen sich auf die Bereiche des militärischen Nahkampfes bzw. polizeilichen Einsatzvorgehens oder –trainings. Mit Kelly McCann kann an den zivilen Bereich angeschlossen werden, denn er fragt, ob in chaotischen Situationen, wo es um Leben und Tod geht, es nicht relativ egal ist, ob ich auf einem Schlachtfeld bin oder in Boston. Damit befindet er sich in der Gesellschaft Fairbairns, der sein Programm 1942 auch Zivilisten empfahl.

Combatives für Zivilisten versteht sich als ein Set persönlicher Kampfprinzipien mit einer überschaubaren Anzahl an Techniken, die unter Stress abgerufen werden können und im gesetzlichen Rahmen stehen. Der führende Anbieter für ziviles und behördliches Combatives Training in Deutschland sowie Europa ist SC Int’l Street Combatives & Strategic Combatives, dem die Selfdefensebox Cologne angehört.
Dabei hat Sicherheit und die Wahrung der persönlichen Unversehrtheit und Integrität der Trainierenden oberste Priorität. Daher findet im Training eine individuelle wie feine Abstimmung von Trainierende_r, Partner_in, Intensität, Schutzausrüstung und ggf. Trainingswaffen (z.B. Stöcke, Safety Sticks, Poolnudeln) statt, um Verletzungen soweit möglich auszuschließen.

Von Alexander Ewald

Literatur
Fairbairn, W.E. (1979): Get Tough: How to Win in Hand-to-Hand Fighting, as taught to the British Commandos and the U.S. Armed Forces. Boulder: Paladin Press. Exact reproduction of the original, which was published in 1942.

Green, T.A. & Svinth, J.R. (2010): Military, Paramilitary, and Law Enforcement Methods. [chapter introduction]
In: Green, T.A. & Svinth, J.R. (Editors): Martial Arts of the World. An Encyclopedia of History and Innovation. Santa Barbara u.a.: ABC-Clio, 2 Volumes, Volume 2: Themes, p. 565.

McCann, K. (2013): Combatives for Street Survival. Hard-Core Countermeasures for High-Risk Situations. USA: Black Belt Books, Third Printing.

Svinth, J. (2001): Combatives: Military and Police Martial Arts Training.
In: Green, T.A. (Editor): Martial Arts of the World. An Encyclopedia. Santa Barbara: ABC-Clio, 2 Volumes, Volume 1: A-Q, pp. 83-95.

Svinth, J. (2003): Martial Arts Meet the New Age: Combatives in the Early Twenty-first-Century American Military.
In: Green, T.A. & Svinth, J.R. (Editors): Martial Arts in the Modern World. Westport: Praeger, pp. 263-270.

Svinth, J. (2010a): Asian Martial Arts in the United States and Canada.
In: Green, T.A. & Svinth, J.R. (Editors): Martial Arts of the World. An Encyclopedia of History and Innovation. Santa Barbara: ABC-Clio, 2 Volumes, Volume 2: Themes, pp. 442-451.

Svinth, J. (2010b): Bayonet Training in the United States.
In: Green, T.A. & Svinth, J.R. (Editors): Martial Arts of the World. An Encyclopedia of History and Innovation. Santa Barbara: ABC-Clio, 2 Volumes, Volume 2: Themes, pp. 568-573.

Svinth, J. (2010c): Military Unarmed Fighting Systems in the United States.
In: Green, T.A. & Svinth, J.R. (Editors): Martial Arts of the World. An Encyclopedia of History and Innovation. Santa Barbara: ABC-Clio, 2 Volumes, Volume 2: Themes, pp. 588-593.

Svinth, J. (2010d): Police Defensive Tactics Training in the United States.
In: Green, T.A. & Svinth, J.R. (Editors): Martial Arts of the World. An Encyclopedia of History and Innovation. Santa Barbara: ABC-Clio, 2 Volumes, Volume 2: Themes, pp. 593-598.