Was ist eine Technik, ein Drill, eine Simulation oder ein Szenariotraining?

Es gibt immer wieder Missverständnisse bei der Benutzung der Wörter „Technik, Drill, Simulation und Szenariotraining“. Innerhalb der verschiedenen Konzepte werden darunter oftmals unterschiedliche Handlungen subsumiert.

Um Fehlinterpretationen respektive eine falsche Verwendung der einzelnen Begriffe zu verhindern, hat SC Int’l diese wie folgt definiert.

  • Technik

Der Begriff Technik beschreibt ein besonderes Können im Bereich einer menschlichen Tätigkeit.
Im Bereich der körperlichen Fertigkeiten kann dieses zum Beispiel die Ausführung eines Handballen- oder auch Ellbogenstoßes sein.

Das Training einer Technik erfolgt isoliert und konzentriert sich auf die wesentlichen Elemente, zum Beispiel die Gewichtsverlagerung und die richtige Positionierung der Schulter bei der Ausübung eines Handballenstoßes.

  • Drill

Ein Drill ist eine Übungseinheit zur sicheren Umsetzung von Fertigkeiten. Dieser besteht aus verschiedenen Elementen / Techniken.

Die genauen Bestandteile und deren Abfolge eines Drills sind festgelegt. Ziel eines Drills ist das Verinnerlichen („Eindrillen“).

  • Simulation

Die Simulation ist eine komplexe Überprüfung verschiedener Fertigkeiten. Hier kann die Anwendung und Umsetzung von Techniken oder Drills gefordert werden.

Innerhalb einer Simulation ist allen beteiligten Personen der konkrete Übungsablauf bekannt. Eine Simulation wird losgelöst von einer konkreten Rahmenhandlung und der dazugehörigen Örtlichkeit durchgeführt.

Wie es zu der simulierten Situation oder Handlung gekommen ist, muss hier nicht eindeutig geklärt sein.

Dieses kann zum Beispiel sein, dass ein Teilnehmer auf zwei Personen trifft und im Rahmen des Kontaktmanagements versucht eine mögliche Konfrontation zu umgehen. Im Laufe des eskaliernden Verhaltens der beiden Personen ist der Teilnehmer gezwungen, den Übergang vom Kontaktmanagement zum Gewaltmanagement zu bewältigen.

Das Management von Gefahren oder auch die frühzeitige Wahrnehmung innerhalb einer komplexen Örtlichkeit werden hier oft gänzlich außer Acht gelassen und sind für die Durchführung einer Simulation nicht erforderlich.

Im folgenden Video „Weapon Retention Strategies“ wurde der Übungsablauf klar definiert. Ein Teilnehmer wird durch einen Kontakt angegangen und muss im Fortlauf der Simulation Elemente aus unserem Waffenschutzkonzept abrufen.

Aus welcher Situation heraus dieser Kontakt entstand, ist für die Simulation nicht von belang.

  • Szenariotraining

Nach unserer Definition sind somit ein Großteil der „auf dem Markt“ angebotenen Szenariotrainings eine Simulation.

Das Szenariotraining bildet die komplexeste Form eines Übungsaufbaus. Hier sollen ähnlich einer Simulation verschiedene Handlungsfertigkeiten abgerufen und überprüft werden.

Innerhalb eines Szenarios wird der agierenden Person jedoch nur ein Rahmenauftrag innerhalb einer konkreten Örtlichkeit gegeben. Im folgenden Video „M.I.C.E. Moving In Complex Environments“ lautet ein solcher Handlungsauftrag:

„Du und Dein Bekannter haben Dein Fahrzeug in der Tiefgarage abgeparkt. Da Du noch kurz etwas im Fahrzeug erledigen wolltest, ist Dein Bekannter schonmal in Richtung Ein-/Ausgang der Tiefgarage gelaufen. Du verlässt nun Dein Fahrzeug und folgst Deinem Bekannten in Richtung Ein-/Ausgang.“

Die anderen Darsteller innerhalb des Szenarios verfügen über klare Handlungsanweisungen und halten sich strikt an diese Vorgaben. Sie sind in dieser Hinsicht Statisten /Schauspieler mit klar definierten Rollen – keine Improvisationen

Sie wissen -WANN, WO, und WIE- eine Handlung ihrerseits gefordert ist.

Das Szenario wird von „außerhalb“ begleitet und geführt

Quelle: combatives.biz

Nachtrag der Selfdefensebox zur Thematik Technik und Kontext:
In den obigen Ausführungen wurde Technik als „ein besonderes Können im Bereich einer menschlichen Tätigkeit“ verstanden und Techniken sollen in Simulationen zur Anwendung kommen können.
Als Präzisierung dieses Verhältnisses sei angeführt:
Der britische Judoka und Trainer Geof Gleeson (1927-1994) brachte im Judo den Unterschied zwischen Technik und Skill ein. Auslöser dafür waren seine Erfahrungen im Uchikomi – grob gesagt das wiederholte Einüben/Ansetzen von Techniken als körperliche Bewegungsabläufe mit einem Partner. Gleeson fragte diese Übungspraxis kritisch hinsichtlich fixen Bewegungsabläufen, ihres Abschlusses und Rhythmen an.
Nach Richard Baileys Text (2014), auf dem die hiesigen Schilderungen zu Gleeson beruhen, kann skill nur verstanden werden, wenn man eine Zielkomponente in einem mindestens stets vorliegendem Kontext hat.
Ferner bilden – so Hubert Dreyfus auf den Bailey Bezug nimmt – Techniken als Elemente solcher skills nicht diese skills, sondern werden erst im Lichte solcher skills bedeutsam.
Die an-abgrenzende, hier nicht näher ausgeführte, Arbeit zu Dreyfus bei Bailey (2014) bzw. Bailey & Pickard (2010) dreht sich – grob gesagt – um Anfragen von (zu Beginn) regelgeleitetem Anwenden von Techniken in jeweiligen Kontexten und ein ‚kämpfen lernen durch kämpfen‘ mit anderweitig mitgebrachten und ggf. einzubringenden skills. An-abgrenzend dazu schreiben Maik Albrecht und Frank Rudolph (2014) davon, dass Menschen von Natur aus kämpfen können und es eigentlich nicht lernen, sondern „nur“ üben müssen, was bspw. eine Vorkampf-Vermeidungsphase mit den Themen Aufmerksamkeit, Sprache, Körpersprache, ‚Selbstbewusstsein‘ und eine ebenfalls ‚Selbstbewusstsein‘ benötigende Gegnerkontaktphase und physische wie mentale Aspekte umfasst und wo sich eher dem Stammhirn überlassen statt aufs Großhirn verlassen wird…
Dies genauer auszuloten, versucht das Team der Selfdefensebox Cologne – ‚theoretisch‘ orientiert hinsichtlich subjektiver Aneignungsprozesse im Bewegungsfeld ‚kämpfen‘ sind wir durch einen Fachartikel unseres Co-Trainers Alexander (Ewald 2016) sowie durch aktuelle Literatur und Expertise unseres Trainer_innen-Teams (u.a. Studenten bzw. Absolventen der DSHS Köln).

Literatur:
Albrecht, M. & Rudolph, F. (2014): Gewalt. Selbstschutz gegen Schläger. Mit einem Essay von Norman >Siddhartha< Gerhardt. Chemnitz: Palisander, 1. Auflage.

Bailey, R. (2014): How do fighters learn how to fight- An insiders‘ critique of traditional teaching methods.

Bailey, R. & Pickard, A. (2010): Body learning: examining the processes of skill learning in dance.
In: Sport, Education and Society, Vol. 15, No. 3, August 2010, pp. 367-382.